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Autoren gegen Rechts

QualiFiction

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von in Allgemeines · 19 Mai 2020
Wir leben im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Niemand kann sich diesem Thema verschließen.
Die KI wird uns entweder alle retten oder vernichten. So ist es nun mal. Dazwischen gibt es nichts.
Auf jeden Fall sind die finsteren Internetriesen sehr viel weiter, als sie uns glauben machen wollen, oder sie hängen ihrem Ziel meilenweit hinterher. Je nach Weltanschauung.

Ich selbst arbeite als Arzt in einem Fachgebiet, das quasi schon als abgeschrieben gilt. Wir Radiologen sind die Schiffsschaukelbremser des 21. Jahrhunderts. Wenn ich mir allerdings anschaue, was uns die KI aktuell so an Arbeit abnimmt, dann kann ich die kumulierten Minuten pro Tag, in denen ich rumsitze, anstatt was zu tun, an einer Hand abzählen. Das heißt aber nicht, dass KI sinnlos ist und mir nicht weiterhilft. Sie ergänzt meine Tätigkeit, liefert Kennzahlen und Informationen, die mir früher nicht so einfach zur Verfügung standen.

Genau diese Hilfe sehe ich auch für mein (unser) Hobby in dem neuen Service einer Firma aus Hamburg mit Namen QualiFiction GmbH. Sie bieten eine automatisierte Textanalyse an und liefern in Sekundenschnelle unzählige Graphen, Zahlen und Hinweise. Diese Software wird in naher Zukunft weder einen Lektor noch ein Korrektorat ersetzen, aber sie wird einen Lektor bei seiner Arbeit unterstützen. Was einem Lektor hilft, kann für einen Autor auch nicht unnütz sein, weswegen es für Autoren ein eigenes Paket mit etwas reduzierter Informationsdichte gibt.

Leider ist der Service mit 50€ pro Dokument nicht günstig. Nichtsdestotrotz habe ich zwei unserer Bücher auf Herz und Nieren testen lassen, um mir einen Eindruck von der Nützlichkeit der zusätzlichen Information zu machen.

Zunächst erwartet die Software, dass man das Genre des hochgeladenen Werkes eingrenzt, obwohl sie dieses auch selbst erkennen kann. Bei "Der Kafir" war es nicht schwer, denn es handelt sich bei diesem Buch um einen klassischen Thriller. "Nichts mehr wie es war" ist hingegen ein Jugendbuch. Diese Kategorie gab es aber nicht, weswegen ich "Moderne und zeitgenössische Belletristik" wählen musste.

Der erste Abschnitt der Auswertung beschäftigt sich mit der Spannungskurve, hier Sentimentanalyse genannt. Da die KI zwar recht gut die Stimmung eines Satzes aufgrund der benutzten Wörter herausarbeiten kann, aber den Text selbst nicht versteht, wird die ausgegebene Kurve wohl nicht viel mit dem wahren Suspensniveau einer Geschichte zu tun haben. Bei "Nichts mehr wie es war" gibt es zudem das Problem, dass zwei Handlungstränge intermittierend erzählt werden, die jeweils eine eigene Spannungskurve haben. Das Ergebnis ist ein Auf-und-Ab der Kurve, das nur schwer den jeweiligen Kapiteln zuzuordnen ist. Man sieht jedoch sehr gut den dramatischen Showdown.


Anders bei "Der Kafir": hier gibt es zwar viele szenische Sprünge, aber nur einen Handlungsstrang. Die ausgegebene Kurve passt sehr gut zum Spannungsaufbau. Man muss sie quasi nur umdrehen.


Der nächste Teil der Analyse befasst sich mit dem Schreibstil. Er gibt Kennzahlen, wie die durchschnittliche Satzlänge, die Satzlängenvariation, die Vokabularexklusivität und die Wortartenaufschlüsselung an. Zur besseren Einordnung wird immer der Vergleich mit dem Genre-Mittel und dem Bestseller-Mittel angezeigt.

"Nichts mehr wie es war" und "Der Kafir" unterscheiden sich in einigen Punkten. Vor allem die Vokabularexklusivität ist in "Der Kafir" deutlich höher, was aber vorherzusehen war.  Die Satzlängenvariabiltiät hingegen ist bei beiden Werken gleich. Hier handelt es sich wohl um eine Eigenart des Schreiberlings: Genre-Mittel, aber nicht Bestseller-Niveau.



Stolz bin ich hingegen auf die niedrige Zahl der Adverbien im Kafir. Bestseller-Niveau! "Nichts mehr wie es war" lag da mit 10% deutlich höher, was aber der Ich-Perspektive eines 16jährigen anzuschulden ist. Merke: Adverbien sind das Ungeziefer der Sprache.



Es gibt noch eine Menge andere mehr oder weniger interessante Statistiken. Wer selbst schreibt, sollte sich QualiFiction auf jeden Fall mal anschauen. In einer früheren Version wurde noch ein "Bestseller-Score" angegeben. Das wurde jetzt durch einen Leserpotential-Score ersetzt. Ich finde beide Werte fragwürdig. Zum Glück hat die menschliche Psyche effiziente Schutzmechanismen parat. Bei einer geringen Zahl hat die Software-Kuh halt keine Ahnung. Bei einem hohen Wert trifft sie den Nagel auf den Kopf. Der Kafir soll bis zu Sechszehntausend Leser bekommen. Wenn wir einen großen Verlag für uns gewonnen hätten, dann sogar bis zu Achzigtausend. "Nichts mehr wie es war" liegt hingegen nur bei 200-2000. KI liegt nicht immer richtig, aber beim Kafir ...  ;)






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