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"Die Abnormen" vs "1337: Game Over"

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von in Rezension · 2 Juni 2020
Tags: SciFi
Heute möchte ich nicht nur ein Buch vorstellen, sondern gleich zwei.
Sie waren meine Abendlektüre der letzten Wochen und haben mich beide gut unterhalten. Buch eins, "Die Abnormen", wird der ein oder andere möglicherweise kennen. Es ist eine Art Bestseller - der erste Teil einer Reihe in drei Bänden des Amerikaners Marcus Sakey.
Das zweite Buch kennen nur Insider. Der deutsche Autor Ben Becker (nicht DER Ben Becker!) hat etwas von aktuell 200 Lesern geschrieben. Mit mir sind es somit 201. Ich würde dem Buch 20000+ wünschen.
Beide Geschichten sind nicht perfekt. Das müssen sie aber auch nicht sein, um gut zu unterhalten. Interessanterweise ist Ben Beckers "1337: Game Over" aber das mit Abstand bessere Buch, auch wenn beide von mir vier von fünf Sternen erhalten. Was Sakey stilistisch richtig macht, das verschludert Becker. Dafür taucht letzterer in Tiefen ein, die Sakey wie ein Nichtschwimmer wirken lassen.

Aber genug geschwafelt. Los gehts:

Die Abnormen: Rassismuskritik verpackt in einer Superhelden-Story



„Die Abnormen“ ist ein etwa 500 Seiten starker Thriller aus dem Jahr 2014. Seit circa drei Jahren verstaubte er in meiner Kindle-Bibliothek, in die er nur gelangt war, weil das Buch für eine kurze Zeit kostenlos für Amazon Prime Kunden angeboten wurde. Von seinem Autor Marcus Sakey hatte ich bis dato nie gehört.
Das Grundthema der Geschichte ist Rassismus, allerdings portiert in die nahe Zukunft bzw.in eine Parallelgegenwart.  Diskriminiert werden hier keine farbigen, indigenen oder sonstig anders aussehenden Menschen, sondern sogenannte Inselbegabte. Dabei handelt es sich nicht um Patienten mit einem ASD Syndrom (Autismus, Asperger-Syndrom), sondern um psychisch und physisch kerngesunde Menschen mit einer genetischen Mutation, die zu Extrembegabung auf einem Gebiet führt. Einige können rechnen wie der beste Computer, andere können Bewegungsabläufe vorhersagen bevor sie geschehen, wieder andere extrem gut Prognosen über den Aktienmarkt erstellen. Alles also nicht sonderlich spektakulär - keine Telekinese, keine Gedankenleserei, keine Superkräfte. Und doch werden diese Menschen diskriminiert, weil sie sich in ihren Gebieten als unschlagbar erweisen und die „Normalen“ nach und nach verdrängen. Das passt der (amerikanischen) Regierung nicht, denn im Volk rumort es. Zumindest spürt der ein oder andere Politiker, dass diese Wenigen die perfekten Sündenböcke darstellen würden, um vom eigenen Versagen abzulenken.
Der Hauptheld der Geschichte ist selbst ein Inselbegabter, der allerdings auf der Seite der Regierung steht und Seinesgleichen jagt. Er ist fest davon überzeugt, dass die Abnormen, wie sie im Allgemeinen genannt werden, die Weltherrschaft anstreben und das Land mit Terror überziehen wollen.
Dass das letztlich nur Propaganda ist, auf die er reingefallen ist, merkt unser Held natürlich im Laufe der Geschichte. Dabei konstruiert Sakey ein spannendes moralisches Dilemma: Cooper (unser Held) verspricht sich nämlich von seiner Arbeit für die Regierung einen Schutz für seine Familie, zumindest für seine Tochter, die ebenfalls begabt ist. Denn die genialen Kinder kommen in Erziehungsanstalten, die eher Internierungslagern entsprechen. Und das will Cooper um jeden Preis verhindern.
Mit der Entscheidung, sich gegen seinen Auftraggeber zu stellen, würde er somit gleichzeitig die Zukunft seines Kindes aufs Spiel setzen.
Aber genug des Spoilerns. Die Geschichte ist sicher alles andere als neu. Eher eine der vielen Holocaust-Variationen, gewürzt mit etwas X-Men und einem Helden, der an Jason Bourne erinnert, aber man kann sie gut lesen.
Stilistisch hat mir vor allem der Anfang sehr gefallen. Das Pacing ist spitze, die Dialoge knackig und der Spannungsbogen straff. Leider schafft es Sakey aber nicht, den Plottwist am Ende unvorhersehbar zu gestalten. Spätestens ab Seite 100 wusste ich, wie das Ganze endet. Das hat mir den Spaß am Lesen in der Mitte des Buches verdorben. Der Showdown war dann jedoch wieder ein Page-Turner, sodass ich trotzdem mit einem ganz positiven Eindruck aus dem Buch gehe.
Fazit: Kein Meisterwerk, aber gute Unterhaltung. Vom Thema ähnlich wie Steven Kings „Das Institut“, aber aus meiner Sicht das deutlich bessere Werk. Die Protagonisten blieben bis auf Cooper alle recht flach und eindimensional. Außerdem gab es einige Längen (vor allem in der Mitte), vermutlich, weil Thriller nun mal 500 Seiten haben müssen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.

4 von 5 Sternen.



1337: Game Over: Spannende und tiefgründige Unterhaltung der etwas anderen Art



"1337:Game Over" ist die erste Geschichte, die ich von Ben Becker gelesen habe. Das Cover hätte mich ehrlich gesagt abgeschreckt, wenn ich nicht eine Leseempfehlung eines Freundes bekommen hätte. Ich bin ihm dafür dankbar, denn das Werk entpuppte sich als super spannend, teilweise tiefgründig, und vor allem erfrischend anders.
In ferner Zukunft leben die Menschen hauptsächlich in einer virtuellen Spielewelt. Die Realität ist jedoch zu einem dystopischen Einheitsbrei geworden: überall identische Wohntürme mit spartanisch ausgestatteten Apartments, die von einer Simulationsliege dominiert werden, in denen die Menschen den ganzen Tag liegen, um über Neuralkonnektoren nahezu komplett mit der virtuellen Welt zu verschmelzen. Das Ganze erinnert ein bisschen an die Matrix-Filme, unterscheidet sich von diesen aber wohltuend. Denn es gibt keine finsteren Außerirdischen, die die Menschen als Energielieferanten ausbeuten, sondern Androiden (sogenannte Servants), die sich um das leibliche Wohl kümmern und Form und Verhalten des Wunschpartners ihres Menschen annehmen.
Die Story beginnt mit der Verbannung des Hauptprotagonisten Razor aus der Spielewelt für sage und schreibe 24h. Auf seiner Suche nach einem öffentlichen Viewport, über den er die Spiele mitverfolgen kann - denn nichts Anderes interessiert ihn - stolpert er durch die Gegend, trifft auf einen Gefährten seines Spieleclans, den er (wie die meisten anderen auch) noch nie im echten Leben getroffen hat und lässt sich auf eine Mutprobe ein: ein Foto seines realen, fettwanstigen und ungepflegten Ichs in die Spielewelt zu schicken. Diese Ungeheuerlichkeit löst letztlich eine Kettenreaktion aus, die das ganze System in ihren Grundfesten erschüttern wird. Aber lest selbst!
Ich war auf jeden Fall völlig fasziniert von dem ungewöhnlichen Blick, den uns der Autor gewährt. Die virtuelle Spielewelt und die Realität verschwimmen zunehmend. Der Leser wird in eine Art Quest gesaugt, die einem Adventure-Spiel ähnelt. Überall lauern Gefahren, jeder kann Freund oder Feind sein, und der Endgegner ist mehr als nur eine Spielfigur.
Der zweite Teil der Geschichte verliert leider etwas im Vergleich zum genialen Anfang. Der Fokus auf die Charaktere verschwimmt, die Handlung wird zu actionlastig und es schleichen sich auch zunehmend Tipp- und Grammatikfehler ein. Auch stilistisch gibt es noch Überarbeitungspotential. So werden viel zu viele unnötige und oft auch noch durch Adverbien "verschandelte" Redeeinleitungen benutzt, Sätze zu häufig mit Partizipien begonnen und Wörter zu oft wiederholt.
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es eine lektorierte Neuauflage mit einer konsequenteren philosophischen Tiefe. Die Story gibt es her! Der Autor hat mich auf jeden Fall auf seine anderen Werke neugierig gemacht. Er kann erzählen, und er hat auch etwas zu erzählen, das weit über reine Unterhaltung hinausgeht.



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